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Im Fokus // Hector Guimard: Buffet mit Seerosen

1. Dezember 2020

Der Art-Nouveau-Künstler Hector Guimard (1867-1942) entwarf für seine Bauwerke sowohl die Architektur als auch Möbel und das dekorative Zubehör. Eines dieser Möbelstücke ist das Buffet mit Seerosen. Es gehört zur Sammlung des Bröhan-Museums und ist in unserer Ausstellung „Luigi Colani und der Jugendstil“ zu sehen.

Der 1867 in Lyon geborene Guimard studierte an der École des Arts Décoratifs und an der École des Beaux-Arts in Paris. 1895 wird er während seiner Zeit in Brüssel durch den Architekten Victor Horta maßgeblich beeinflusst. Horta entwarf eines der frühsten Art-Nouveau-Häuser in Brüssel: das Hotel Tassel. Sein Innenraum ist von Gusseisenkonstruktionen, Glaselementen sowie einer ausschweifenden Ornamentik aus organischen Formen geprägt.

Inspiriert durch Horta forderte Guimard eine organische Einheit von architektonischem Konzept und Innendekoration. Ab 1895 entstanden mehrere Häuser in denen er diese Idee verwirklichen konnte. Als eines seiner Hauptwerke gilt das Mietshaus „Castel Béranger“ in der Rue de la Fontaine, Paris, das er 1897/98 vollendete. In seinem Werk „L‘Art dans Habitation Moderne“ von 1898 dokumentiert Guimard seine Arbeit am Bauwerk. Er entwarf sowohl die Architektur als auch die detailreiche Inneneinrichtung. Beides zeichnete sich durch eine Vielfalt von Materialien, Farben und Formen, sowie der Vermeidung von Symmetrie aus.

Besonders bekannt ist Guimard durch seine Arbeit an den Stationseingängen der Pariser Metro, an denen er zwischen 1900 und 1913/14 arbeitet. Um den neuartigen Abstieg in den Untergrund zu erleichtern, sollten die Eingänge einladend wirken. Er entwarf einen von eisernen Stützen getragenen transparenten Glaskörper. Andere Stationen wurden von reich verzierten gusseisernen Gittern umrahmt. Verflochtene Pfosten, die durch ein filigranes Schild verbunden sind, markieren die Eingänge. Einige der von ihm gestalteten Zugänge sind bis heute erhalten.

Das Seerosenbuffet entstand 1899/1900. Entworfen wurde es für das Speisezimmer der Stadtvilla „Castel Henriette“ in Sèvres, Rue des Binelles. Der Korpus ist aus Kirschholz, zusätzlich wurden die Materialien Messing und Glas verwendet. Es zeichnet sich durch seine asymmetrische Gestaltung aus. Allerdings beinhaltete der Speisesaal zusätzlich ein spiegelbildliches Pendant des Buffets, welches die Symmetrie in gewisser Weise wiederherstellte.

Die Natur als Vorbild nehmend ist Guimards Möbelstück von pflanzlichen Formen und Motiven geprägt. Die langen, das Buffet überragenden, geschwungenen Streben öffnen sich am Ende zu Seerosenblättern. Dies lässt sie wie Seerosenstängel wirken und führt das Holz als natürliches, lebendiges Material vor. Das Seerosenblatt wird zum Vasensockel, der die Vase an der höchsten Stelle frei im Raum schweben lässt. Das Buffet entwickelt sich wie die natürliche Pflanze ohne dabei naturalistisch abgebildet zu sein. Die bewegte Linie des aufstrebenden Seerosenstängels stellt eine Verbindung zwischen Kommode und Glasvitrine her. Gleichzeitig reduziert die zarte Pflanze durch ihre sinnliche Eleganz die Massivität des Möbelstücks.

Die Seerose war als florales Motiv im frühen Art Nouveau sehr beliebt. Ihre Blüte ist außerordentlich dekorativ. Außerdem rufen ihr schwankender Standort auf dem Wasser und ihre geheimnisvolle Herkunft eine Faszination hervor. Durch diese Merkmale erschien sie besonders geeignet für die Kunst um 1900.

Text: Tonia Krüger