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IM FOKUS // Josef Hoffmann, Sessel mit verstellbarer Rückenlehne („Sitzmaschine“)

18. April 2019

Nicht auf den ersten Blick erschließt sich der Entwurfvon Josef Hoffmanns „Sitzmaschine“. Zunächst ist man von der Komplexität beeindruckt, die an eine futuristische Maschine erinnert. Wenn man sich aber auf den Stuhl einlässt, erkennt man die simplen geometrischen Formen, die auf verspielte Weise eingesetzt wurden. Ein unvergleichbares Möbelstück, dem man sein Alter kaum ansieht. Bis zum 5. Mai 2019 ist das Sitzmöbel in der Ausstellung:„Von Arts and Crafts zum Bauhaus – Kunst und Design eine neue Einheit!“ im Bröhan-Museum zu sehen.

Das kreative Hirn hinter diesem ausgeklügelten Designist Josef Hoffmann. 1870 kam er in Pirnitz, einer deutschmährischen Kleinstadt zur Welt, und interessierte sich alsbald für Architektur und Gestaltung. In seinem 22. Lebensjahr begann er unter der Anleitung Otto Wagners, der einen großen Einfluss auf den jungen Architekten hatte, sein Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Wien. Als Mitbegründer der Wiener Secession (1897)und der Wiener Werkstätte (1903), gehört Hoffmann zu den entscheidenden Architekten und Gestaltern des Jugendstils. Mit seinem Hauptwerk, dem „PalaisStoclet“ in Brüssel, schuf er 1911, in Zusammenarbeit mit Gustav Klimt, eines der bedeutsamsten Werke dieser Epoche. Inspiriert von der Formensprache der Glasgow School of Arts und den Innovationen derWiener Werkstätte entstand ein Gesamtkunstwerk von beispiellosem Ausmaß. Besonders der Balanceakt von Kontrasten, den strengen geometrischen Formen und der charakteristischen Ornamentik des Jugendstils ist bahnbrechend.

Ähnlich verhält es sich mit der „Sitzmaschine“, die zeitgleich mit den ersten Entwürfen für das Palais im Jahr 1905 entstand. Sie erlaubt einen Einblick in das gestalterische Denken Hoffmanns und kann als Vorstufe für das bevorstehende monumentale Werk gesehen werden. Denn zu diesem Zeitpunkt experimentierte der Künstler mit der Einfachheit von Elementarformen und deren wohlüberlegtem Einsatz, um ein harmonisches und ästhetisch wertvolles Design zu kreieren. Diese Ansätze sind klar in der Gestaltung des Stuhles zu erkennen. Die rechteckigen Aussparungenerinnern stark an die architektonische Bauweise des Palais. Primat ist hierbei das Quadrat. Vornehmlich kann man Parallelen zwischen den Fenstern des Gebäudes und der Rückenlehne des Stuhles ziehen. Im Gegensatz dazu stehen die weichen Holzkugeln und abgerundeten Ecken, die die Härte der geometrischen Strukturausgleichen. Man sollte jedoch bei der eindrucksvollen Ästhetik nicht außer Acht lassen, dass der Stuhl ein Gebrauchsgegenstand ist. Durch die verstellbareLehne wird der Nutzer zum bequemen Verweilen eingeladen und damit erfüllt die „Sitzmaschine“ ihren elementaren Zweck. Somit schafft das Objekt eine Brückezwischen der Abstraktion geometrischer Grundformen und der unabdingbarenZweckmäßigkeit als Möbel. Es bewahrt dabei eine schlichte Schönheit, die schonauf die Entwicklung des Bauhausstils vorausweist. Le Corbusier  äußerte sich in „Die Wiener Werkstätte 1903 – 1928“ über den tiefen Eindruck und die wahre künstlerische Freude, die Hoffmanns Werke bei ihm hinterließen: „[Da] er [Josef Hoffmann], so wie ich, von der Überzeugung ausgeht, daß das architektonische Werk einen geistigen Inhalt aufweisen muß, ganz selbstverständlich vorausgesetzt, daß die Forderungen der Zweckmäßigkeiterfülle.[…] In der Geschichte der zeitgenössischen Baukunst, auf dem Weg zu einer zeitgemäßen Ästhetik, behauptet Professor Hoffmann einen der leuchtendsten Plätze.“

Text: Maia Ernst