{"id":53,"date":"2018-07-18T09:46:00","date_gmt":"2018-07-18T09:46:00","guid":{"rendered":"http:\/\/decandix-multi.elektrischerwalfisch.de\/decandix-blog\/2018\/07\/18\/im-fokus-willy-jaeckel\/"},"modified":"2020-03-24T14:42:11","modified_gmt":"2020-03-24T13:42:11","slug":"im-fokus-willy-jaeckel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/2018\/07\/18\/im-fokus-willy-jaeckel\/","title":{"rendered":"IM FOKUS \/\/ Willy Jaeckel"},"content":{"rendered":"<p>Noch bis zum 16. September 2018 zeigt das Br\u00f6han-Museum Meisterwerke Willy Jaeckels (1888-1944) aus eigenem Bestand. Der Fokus liegt auf Portr\u00e4ts und Blumenstillleben. Hier einige Eindr\u00fccke aus der Ausstellung:<\/p>\n<p>Willy Jaeckel ist ein fester Bestandteil der Berliner Kunstszene und des Nachtlebens. In Kneipen und Caf\u00e9s triffter sich regelm\u00e4\u00dfig mit befreundeten K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstlern, spielt Billard, kegelt gerne und soll ein au\u00dfergew\u00f6hnlich guter T\u00e4nzer sein. Zu seinen Freunden geh\u00f6ren so unterschiedliche Pers\u00f6nlichkeiten wie das Br\u00fccke-Mitglied Max Pechstein, der Schriftsteller und Kabarettist Joachim Ringelnatz sowie der Schauspieler und Staatstheaterintendant Heinrich George. Zusammen mit seiner \u00a0Frau Charlotte veranstaltet Jaeckel regelm\u00e4\u00dfige Feste im gemeinsamen Wohnhaus. Zu den beliebten Feiern erscheinen in der Regel \u00fcber 100 G\u00e4ste. 1924, ein Jahr nach Fertigstellung des Gem\u00e4ldes, trennt sich das Ehepaar. Charlotte geht zun\u00e4chst nach Wien, um eine Gesangskarriere zu beginnen. 1940 emigriert sie in die USA und lebt ohne finanzielle Sicherheit in New York. Ihren Lebensunterhalt verdient sie mit Astrologie, eine Leidenschaft, die sie zeitlebens freundschaftlich mit ihrem Ex-Mann verbindet, mit dem sie einen regelm\u00e4\u00dfigen Austausch pflegt.<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens nachdem Jaeckel den Georg-Schlicht-Preis f\u00fcr das \u201esch\u00f6nste deutsche Frauenportr\u00e4t 1928\u201c erh\u00e4lt, geh\u00f6rt er zu den gefragtesten Portr\u00e4tmalern Berlins. Neben ungeliebten Auftragsarbeiten, die ihn und seine Familie in wirtschaftlich schweren Zeiten \u00fcber Wasser halten, entstehen Portr\u00e4ts, die weniger einem g\u00e4ngigen Sch\u00f6nheitsideal folgen, als vielmehr der Suche nach ausdrucksstarken Gesichtsz\u00fcgen und K\u00f6rperhaltungen dienen. Nach Angaben der Vorbesitzerin handelt es sich beider Dargestellten um die Schauspielerin Ruth Albu, nach Meinung des Sohnes des K\u00fcnstlers Dr. Peter Jaeckel jedoch um die T\u00e4nzerin Dorothea Albu. Zu beiden Berufsgruppen hatte Jaeckel in den 1920er- und 30er-Jahren engen Kontakt. Dies bezeugen die vielen Schauspieler- und T\u00e4nzerinnenbildnisse des Malers, so unter anderem von von Carola Neher (1927), Eva Sommer (1927), HildeK\u00f6rber (1922), Paula Wessely (1934), Luise Ullrich (1936), Leni Riefenstahl (1925) oder Tatjana Barbakoff (1925).<\/p>\n<p>Jaeckel portr\u00e4tiert in den 1920er- und 30er-Jahren zahlreiche Pers\u00f6nlichkeiten der Kultur- und Unterhaltungsbranche Berlins. Heute eher unbekannte Personen geben nicht nur Aufschluss \u00fcber die k\u00fcnstlerischen Kreise, in denen sich Jaeckel bewegt hat, sondern \u00f6ffnenden Blick zugleich auf manch filmreife Biografie: Die zwei Jahre \u00e4ltere und ebenfalls aus Breslau stammende Schauspielerin Resi Langer trug auf zahlreichen Berliner Kabarettb\u00fchnen dadaistische und expressionistische St\u00fccke vor. 1926 schlie\u00dft sie sich dem politisch-satirischen Laienkabarett \u201eDie Wespen\u201c an, zu dessen linken Kreisen auch Hanns Eisler geh\u00f6rt. Ab 1933 moderiert sie zun\u00e4chst Modenschauen f\u00fcr den Rundfunk, bis sie Ende der 1930er mit ihrem j\u00fcdischen Ehemann aus Deutschland flieht. Ihre Emigration f\u00fchrt sie \u00fcber Italien, die Philippinen \u2013 wo sie eineApotheke betreibt \u2013 in die Vereinigten Staaten. In New York arbeitet sie als Zeitungsverk\u00e4uferin bevor sie schlie\u00dflich in ein katholisches Altersheim zieht.Im Alter von 82 Jahren kehrt sie in ihr Heimatland zur\u00fcck, wo sie 1971 inBerlin stirbt.<\/p>\n<p>Im Verlauf der 1930er-Jahre immt die Anzahl der Blumenstillleben und Portr\u00e4ts im Werk Jaeckels deutlichzu. Viele Maler verlegen sich in dieser Zeit auf solche \u201eunverf\u00e4nglichen\u201c, weil unpolitischen Motive. Die stilistische \u00c4hnlichkeit zwischen Jaeckels Blumenbildern und seinen Frauenportr\u00e4ts ist unbestreitbar. Auf einem grob bemalten, zumeist undifferenzierten Hintergrund entfalten sich die Motive, die klassischerweise dem ,Sch\u00f6nen\u2018 zugeordnet werden. Das Spiel mit Kontrasten, ob in Motivik, Technik oder Farbe, ist ein Hauptthema in Jaeckels k\u00fcnstlerischem Schaffen. Als \u00fcberzeugter Theosoph glaubt er an die Verbundenheit von allem Existierenden durch ein kosmisches Bewusstsein. Durch die Kombination von \u201eSch\u00f6nem\u201c und \u201eH\u00e4sslichem\u201c, wie sie in den Blumenstillleben und Frauenportr\u00e4ts auftritt, verleiht er seiner religi\u00f6sen \u00dcberzeugung k\u00fcnstlerischen Ausdruck: Die Beherrschung der Gegens\u00e4tzeals Metapher einer vollkommenen Welt.<\/p>\n<p>\u201eNicht jede Bl\u00fcte wird zur Frucht. Als \u00c4u\u00dferung des Lebensgef\u00fchls ist Kunst im h\u00f6chsten Sinne Religion. Sie bedeutet nicht eitle Best\u00e4tigung, sondern schwere Verantwortung f\u00fcr den K\u00fcnstler, der seinen Beruf, am gro\u00dfen Gesamtbilde mitzuwirken, ernst nimmt\u2026\u201c (WillyJaeckel, 1943)<\/p>\n<p>Das Gem\u00e4lde \u201eRosen\u201c stellt eine Eigenheit im Gesamtwerk Jaeckels dar. Das Blumenmotiv wird auf einem au\u00dfergew\u00f6hnlichenHintergrund pr\u00e4sentiert, dessen Farbschichten mit der spitzen R\u00fcckseite des Pinsels in wilden Bewegungen maltr\u00e4tiert wurden. Die physische Verletzung der Maloberfl\u00e4che bedeutet einen radikalen Bruch mit der klassischen Abbildfunktion der Malerei. Gewalt wird hier nicht durch die Inszenierung von Motiven dargestellt, sondern durch die \u201eunk\u00fcnstlerische\u201c, da brutale Behandlung des Bildtr\u00e4gers unmittelbar vor Augen gef\u00fchrt. Die bewusste Erhebung des Bildmaterials zum Bedeutungstr\u00e4ger nimmt existenzialistische Kunstauffassungen der Nachkriegsavantgarde vorweg.<\/p>\n<p>Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten beginnen die Versuche, Willy Jaeckel seines Lehramts an der Staatlichen Kunsthochschule Berlins zu entheben. Laut Aussagen eines Sch\u00fclers verweigerte Jaeckel den Hitlergru\u00df und verlie\u00df beim Abspielen des Horst-Wessel-Liedes den Saal. Die Amtsenthebung scheitert zun\u00e4chst 1933 am Widerstand seiner Studierenden, dann 1938 am pers\u00f6nlichen Einsatz des befreundeten Generals Erhard Milch. Als Jaeckel sich 1935 an einer M\u00fcnchner Kunstausstellung beteiligt, wird sein Madonnenbildnis durch Adolf Hitler pers\u00f6nlich entfernt.Laut Aussage Peter Jaeckels, dem Sohn des Malers, lie\u00df Hitler das Gem\u00e4lde mit den Worten \u201eDies ist keine deutsche Mutter\u201c beseitigen. Werke Jaeckels wurdensp\u00e4ter auf mehreren Stationen der Wanderausstellung \u201eEntartete Kunst\u201c gezeigtund als Symptome des Verfalls verfemt. Im Januar 1944 kehrt Jaeckel nach Berlinzur\u00fcck, um seine K\u00fcndigung an der Hochschule einzureichen. Am 30. Januar wird sein Wohnhaus mit Atelier am Kurf\u00fcrstendamm 180 von Brand- und Sprengbomben getroffen und Jaeckel mit anderen im Luftschutzkeller versch\u00fcttet. Ein tagelanger Brand vernichtet alles, Menschen und Bilder.<\/p>\n<p>Text: Fabian Reifferscheidt \/ Redaktion: Corinna Kleis<\/p>\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery columns-3 is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\"><ul class=\"blocks-gallery-grid\"><li class=\"blocks-gallery-item\"><figure><a href=\"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/pc2d2tS0zV1uryywt_1280.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"889\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/pc2d2tS0zV1uryywt_1280-889x1024.jpg\" alt=\"\" data-id=\"645\" data-full-url=\"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/pc2d2tS0zV1uryywt_1280.jpg\" data-link=\"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/2018\/07\/18\/im-fokus-willy-jaeckel\/pc2d2ts0zv1uryywt_1280\/\" class=\"wp-image-645\" 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class=\"blocks-gallery-item__caption\">Willy Jaeckel, Bildnis einer K\u00fcnstlerin (Ruth oder Dorothea Albu), 1929<\/figcaption><\/figure><\/li><li class=\"blocks-gallery-item\"><figure><a href=\"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/pc2dezIgVf1uryywt_1280.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"820\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/pc2dezIgVf1uryywt_1280-820x1024.jpg\" alt=\"\" data-id=\"647\" data-full-url=\"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/pc2dezIgVf1uryywt_1280.jpg\" data-link=\"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/2018\/07\/18\/im-fokus-willy-jaeckel\/pc2dezigvf1uryywt_1280\/\" class=\"wp-image-647\" srcset=\"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/pc2dezIgVf1uryywt_1280-820x1024.jpg 820w, 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class=\"blocks-gallery-item__caption\">Willy Jaeckel, Kirschbl\u00fcten, um 1930<\/figcaption><\/figure><\/li><li class=\"blocks-gallery-item\"><figure><a href=\"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/pc2dp8EaRI1uryywt_1280.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"823\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/pc2dp8EaRI1uryywt_1280-823x1024.jpg\" alt=\"\" data-id=\"649\" data-full-url=\"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/pc2dp8EaRI1uryywt_1280.jpg\" data-link=\"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/2018\/07\/18\/im-fokus-willy-jaeckel\/pc2dp8eari1uryywt_1280\/\" class=\"wp-image-649\" srcset=\"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/pc2dp8EaRI1uryywt_1280-823x1024.jpg 823w, https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/pc2dp8EaRI1uryywt_1280-241x300.jpg 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