{"id":49,"date":"2018-03-08T06:48:00","date_gmt":"2018-03-08T06:48:00","guid":{"rendered":"http:\/\/decandix-multi.elektrischerwalfisch.de\/decandix-blog\/2018\/03\/08\/im-fokus-berliner-realismus\/"},"modified":"2020-03-24T16:37:27","modified_gmt":"2020-03-24T15:37:27","slug":"im-fokus-berliner-realismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/2018\/03\/08\/im-fokus-berliner-realismus\/","title":{"rendered":"IM FOKUS \/\/ Berliner Realismus"},"content":{"rendered":"<p>Vergleicht man die Berliner Secession mit ihren wenige Jahre \u00e4lteren Schwestersecessionen in M\u00fcnchen und Wien, so f\u00e4llt auf, dass die Malerei in Berlin neben impressionistischen und symbolistischen Tendenzen auch von Anfang an eine ausgepr\u00e4gte Affinit\u00e4t zum Realismus und zur politisch-sozialkritischen Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit hatte. Die Berliner Secession, und hier vor allem Hans Baluschek, K\u00e4the Kollwitz und Heinrich Zille, schuf um 1900 die Grundlage f\u00fcr einen eigenen Berliner Stil, der in der Kunst der Weimarer Republik seine konsequente Fortsetzung fand. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Berlin zum Brennpunkt der politischen und gesellschaftlichen Probleme der jungen Republik. Die Kunst griff diese Verwerfungen auf und radikalisierte die realistische Malerei, indem sie drastischer, satirischer und aggressiver wurde.<\/p>\n<p><b>Beginn des Berliner Realismus &#8211; Gro\u00dfstadtrealismus<\/b><br \/>In Berlin um 1900 treffen K\u00fcnstler, die sich f\u00fcr eine realistische Kunst entschieden haben, auf eine g\u00e4nzlich andere Situation als etwa die franz\u00f6sischen K\u00fcnstler um Gustave Courbet, der als Vater des Realismus in der Malerei gilt. Die industrielle Revolution hat eine gro\u00dfst\u00e4dtische Arbeiterschaft entstehen lassen, deren Angeh\u00f6rige gerade in Berlin in riesigen Mietskasernen unter menschenunw\u00fcrdigen Bedingungen hausen. Die Arbeiterschaft mit ihrer spezifischen Lebenssituation, gepr\u00e4gt von Armut, Hunger, Krankheit und vielf\u00e4ltigen sozialen Missst\u00e4nden, ist eine im Stadtbildsichtbare gesellschaftliche Realit\u00e4t geworden. Gleichzeitig hat sich die Arbeiterschaft aber auch schon zu einer politischen Kraft entwickelt. In Berlin stellen sich besonders K\u00e4the Kollwitz, Heinrich Zille und Hans Baluschek dieser Realit\u00e4t und machen sie zum Thema ihrer Kunst. Gerade Zille, der h\u00e4ufig auf seine gutm\u00fctig-humoristischen Zeichnungen des Berliner \u201eMillj\u00f6hs\u201c reduziertwird, gilt es neu zu entdecken, denn \u201e\u2026es gibt noch einen dritten Zille, und dieser ist mir der liebste. Der ist weder Humorist f\u00fcr Witzbl\u00e4tter noch Satiriker. Er ist restlos K\u00fcnstler. Ein paar Linien, ein paar Striche, einwenig Farbe mitunter \u2013 und es sind Meisterwerke.\u201c (K\u00e4the Kollwitz).<\/p>\n<p><b>Krise des Realismus &#8211; Fotografie und 1. Weltkrieg<\/b><br \/>Um 1900 ist der Malerei durch die Fotografie ein wichtiger Konkurrent erwachsen, der nun auf v\u00f6llig neue Weise den Anspruch auf Darstellung der Wirklichkeit erhebt. Nat\u00fcrlich stellt die Fotografie gerade den Realismus infrage, was zu einer intensiven Realismuskritik in der Kunst f\u00fchrt. Vor diesem Hintergrund ist es besonders interessant, dass Zille sowohl als Zeichner wie als Fotograf t\u00e4tig war. Der Einfluss der Fotografie ist ab 1910 immer sp\u00fcrbarer und die realistische Malerei muss darauf reagieren. Fast zeitgleich ereignet sich ein zweiter massiver Einschnitt. Die Gr\u00e4uel des ErstenWeltkriegs haben ein solches Ausma\u00df erreicht, dass auch dies die realistischeMalerei infrage stellt: Kann man dieses Grauen noch realistisch darstellen, oder muss jede k\u00fcnstlerische Umsetzung allein durch die Drastik der Darstellungzur satirischen \u00dcberspitzung werden?<\/p>\n<p><b>Berliner Realismus in der Weimarer Republik<\/b><br \/>Der Realismus in der Berliner Kunst der Weimarer Republik hat sich gewandelt. Gerade in der Fr\u00fchphase der Weimarer Republik steigert sich durch hohe Arbeitslosigkeit das soziale Elend. Durch die Oktoberrevolution in Russland hatte sich auch in Deutschland die Arbeiterschaft in Sozialdemokraten und Kommunisten aufgespaltet. Diese politischen Umbr\u00fcche spiegelten sich nat\u00fcrlich auch in der Kunst wider. Hatten Kollwitz, Baluschek und Zille noch engagiert f\u00fcr die \u201ekleinen Leute\u201c Partei ergriffen, so attackiert eine neue Generation von Realisten nun alle gesellschaftlichen Schichten. Der Realismus wird sch\u00e4rfer. Jegliche Sympathie ist verschwunden, Dix, Grosz, Schlichter, Hubbuch, Nagel und teilweise auch Beckmann prangern mit ihrem Realismus nun an. Sie legen die Finger in die Wunden der Gesellschaft und ihr scharfer Blick trifft Gro\u00df- und Kleinb\u00fcrgertum gleicherma\u00dfen. Vor allem in ihren Zeichnungen und Druckgrafikzyklen steigert sich der Realismus bis zur Grenze des Surrealen. George Grosz \u00fcber seine Mappe Ecce Homo (1922): \u201eIn diesem Werk aber handelt es sich nicht um Pornographie. Es ist ein Dokument jener Inflationszeit mit ihren Lastern und ihrer Sittenlosigkeit. Es ist in seiner Wirkung so brutal wie die Zeit, die es mir eingab.\u201c<\/p>\n<p>Ab Mitte der 20er Jahre besch\u00e4ftigt auch die drohende Gefahr f\u00fcr die Demokratie durch den Nationalsozialismus die Berliner Realisten. Der politische Disput speist sich nun nicht mehr nur von links, sondern auch von rechts. Gerade die Realisten in Berlin beziehen mit ihrerKunst in dieser Auseinandersetzung klar Stellung. Mit der von den Dadaisten entwickelten Collagetechnik steht nun auch ein neues k\u00fcnstlerisches Medium bereit. Malerei, Zeichnung und Fotografie werden zu einer gemeinsamen Kunstform vereinigt, um mit neuen Bildkonzepten den selbstgestellten gesellschaftlichenAuftrag zu erf\u00fcllen. Der wichtigste K\u00fcnstler hierzu ist in Berlin sicherlich John Heartfield.<\/p>\n<p>Das Besondere an der Berliner Kunst ist die, jenseits der kunsthistorischen Stilbegriffe Expressionismus, Dadaismus und NeueSachlichkeit, durchgehende sozialkritische Haltung. Dies macht den eigentlichen Berliner Realismus aus und gibt ihm seine im Vergleich zur Kunst andererMetropolen ganz eigene Pr\u00e4gung. Die <b>Ausstellung im Br\u00f6han-Museum \u201eBerliner Realismus. Von K\u00e4the Kollwitz bis Otto Dix\u201c (22.3.-17.6.2018)<\/b> stellt diese ganz eigenst\u00e4ndige Entwicklung der Berliner Kunst erstmals dar und schl\u00e4gt einen Bogen von der Kunst ab 1890 bis 1930.<\/p>\n<p>Text: Tobias Hoffmann<\/p>\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery columns-3 is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\"><ul class=\"blocks-gallery-grid\"><li class=\"blocks-gallery-item\"><figure><a href=\"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/p59rnymEWW1uryywt_1280.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"796\" src=\"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/p59rnymEWW1uryywt_1280-1024x796.jpg\" alt=\"\" data-id=\"681\" data-full-url=\"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/p59rnymEWW1uryywt_1280.jpg\" 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Bild-Kunst, Bonn 2018<\/figcaption><\/figure><\/li><\/ul><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vergleicht man die Berliner Secession mit ihren wenige Jahre \u00e4lteren Schwestersecessionen in M\u00fcnchen und Wien, so f\u00e4llt auf, dass die Malerei in Berlin neben impressionistischen und symbolistischen Tendenzen auch von Anfang an eine ausgepr\u00e4gte Affinit\u00e4t zum Realismus und zur politisch-sozialkritischen Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit hatte. 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