{"id":39,"date":"2017-10-13T09:58:00","date_gmt":"2017-10-13T09:58:00","guid":{"rendered":"http:\/\/decandix-multi.elektrischerwalfisch.de\/decandix-blog\/2017\/10\/13\/neuerwerbung-hoffmann-vs-loos\/"},"modified":"2020-03-24T17:13:45","modified_gmt":"2020-03-24T16:13:45","slug":"neuerwerbung-hoffmann-vs-loos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/2017\/10\/13\/neuerwerbung-hoffmann-vs-loos\/","title":{"rendered":"NEUERWERBUNG \/\/\/ HOFFMANN VS. LOOS"},"content":{"rendered":"<p>In diesem Sommergelang es dem Br\u00f6han-Museum, zwei Sitzm\u00f6bel anzukaufen, die zwei entscheidende Positionen des fr\u00fchen modernen Designs verk\u00f6rpern: Einen Stuhl eines unbekannten Gestalters mit gef\u00e4cherter R\u00fcckenlehne aus den 1910er Jahren und einen geometrisch geformten Armlehnstuhl von Hans Vollmer, der um 1902 entstand. Die beiden v\u00f6llig unterschiedlichen Objekte stehen f\u00fcr den Konflikt zwischen zwei der wichtigsten Gestalter und Wegbereiter des Designs des 20. Jahrhunderts, Josef Hoffmann und Adolf Loos, die beide vollkommen unterschiedliche und unvereinbare Auffassungen von moderner Gestaltung vertraten. Beide waren nichtnur gleich alt und zur selben Zeit t\u00e4tig, sondern sogar in der selben Stadt, in Wien. Dort versammelte sich um 1900 die Avantgarde europ\u00e4ischer Gestaltung. W\u00e4hrend in Metropolen wie Paris der florale Jugendstil seine Bl\u00fcte erreicht hatte, entstand in der R\u00fcckschau betrachtet zur selben Zeit in Wien radikal moderne Gestaltung, die in ihrer geometrisch-funktionalen \u00c4sthetik das Design des 20. Jahrhunderts vorwegnahm.\u00a0<\/p>\n<p>Die neue Art zu gestalten war das Resultat der industriellen Revolution, die seit dem 19.Jahrhundert die Lebenswelt der Menschen vollkommen ver\u00e4ndert hatte. Neue Techniken der industriellen Fertigung und neue Materialien erlaubten den Einsatz eines beinahe grenzenlosen Spektrums an Dekoren und Formen. Oft resultierte das darin, dass Geb\u00e4ude und Produkte in einem wilden Stilmix verschiedenerEpochen gestaltet waren. Bereits seit den 1850er Jahren regte sich Widerstand gegen den als leer empfundenen Eklektizismus von Gestaltung und Architektur. Als Grundlage moderner Wiener Gestaltung kann der Architekt und Stadtplaner Otto Wagner angesehen werden, der Praktikabilit\u00e4t in das Zentrum seines Schaffens stellte (\u201eEtwas unpraktisches kann nie sch\u00f6n sein\u201c).<\/p>\n<p>Bei eben jenem Otto Wagner studierte Josef Hoffmann (1870 \u2013 1956). Hoffmann \u00fcbernahm Wagners Interesse an klaren, schlichten Formen. Er geh\u00f6rte zur jungen Wiener Avantgardeund war 1898 Mitbegr\u00fcnder der Wiener Secession, verlie\u00df sie aber nur sieben Jahre sp\u00e4ter wieder, um sich einem f\u00fcr ihn bedeutenderen Projekt zuzuwenden: Der Wiener Werkst\u00e4tte. Wie schon bei der englischen Arts and Crafts-Bewegungsollten von den Wiener Werkst\u00e4tten neue Impulse f\u00fcr das Handwerk ausgehen und die Qualit\u00e4t der materiellen Gegenst\u00e4nde sollte verbessert werden. Hoffmann spielte in seinen Entw\u00fcrfen mit den Oberfl\u00e4chen, \u00fcberzog den ganzen Raum mit rhythmischem, geometrischem Dekor. Er setzte das Ideal des Gesamtkunstwerks um, das eine Gestaltung des gesamten Geb\u00e4udes, von Architektur bis Ausstattung,meinte.<\/p>\n<p>Anders als bei Hoffmann stand bei Adolf Loos (1870 \u2013 1933) nicht das Dekor, sondern dasMaterial im Vordergrund. Loos wehrte sich gegen die Aktivit\u00e4ten seiner Berufskollegen auf dem Gebiet des Kunsthandwerks und forderte, Architekten sollten sich vollkommen auf das funktionale beschr\u00e4nken und nicht k\u00fcnstlerisch t\u00e4tig sein. Er war viel mehr als Hoffmann Einzelk\u00e4mpfer, den er zwar bereits aus seiner Gymnasialzeit kannte, mit dem es aber 1898 zum Bruch kam, als Josef Hoffman Loos verwehrte,das neugebaute Secessionsgeb\u00e4ude miteinzurichten. Aus Freundschaft wurde eine lebenslange Feindschaft. Viel mehr als Hoffmann war Loos radikal modern. Dies bewies er beispielsweise mit seinem Haus am Michaelerplatz, mit dem er 1910 einen Skandal ausl\u00f6ste, weil er glatt verputzte wei\u00dfen Au\u00dfenw\u00e4nden \u00fcber eine Sockelzone aus gr\u00fcnem Marmor setzte. F\u00fcr Loos war der Moderne kein bestimmter Stil zugeordnet, sondern eine bestimmte Haltung. Bis heute ist er ber\u00fchmt f\u00fcrseinen Vortrag \u201eOrnament und Verbrechen\u201c (1908), in dem er eine Abwertung des Dekors und eine Aufwertung des Materials forderte. Hoffmann wollte die Kunst in die Gestaltung und Architektur bringen, Loos die Architektur von der Kunstbefreien und von der Gestaltung l\u00f6sen.<\/p>\n<p>Wie zeigen sich nun diese unterschiedlichen Auffassungen von Gestaltung in dem Stuhl und demSessel? Weder der Stuhl, noch der Sessel wurden von Loos bzw. Hoffmann entworfen. Dennoch sind beide ganz im Einvernehmen des jeweiligen Architekten. Der F\u00e4cherstuhl wurde von Loos selbst in vielen seiner Interieurs eingesetzt. Er ist abgeleitet von den englischen Captain\u2019s Chairs und entsprach allen Anforderungen, die Loos an funktionale Gestaltung stellte. Die Streben der Lehne treffen sich nicht in einem Punkt, sondern sind auf zwei Ebenen versetzt,um ihm zus\u00e4tzliche Stabilit\u00e4t zu geben. Die Sitzfl\u00e4che ist leicht eingew\u00f6lbt und der K\u00f6rperform angepasst. Die hinteren Stuhlbeine sind f\u00fcr zus\u00e4tzliche Stabilit\u00e4t angeschr\u00e4gt. Auf aufgesetztes Ornament wird vollkommen verzichtet, die Funktionalit\u00e4t der einzelnen Elemente selbst, wie zum Beispiel die R\u00fcckenlehne, wird zum Ornament.\u00a0<\/p>\n<p>Ganz anders der Sessel. Er stammt von Hoffmanns Sch\u00fcler Wilhelm Schmidt und wurde von der Prag-Rudniker Korbfabikation gefertigt. Der Sessel ist ein Spiel mit dem wichtigsten Gestaltungselement des geometrischen Wiener Jugendstils, dem Quadrat, in dessen Tradition er steht.Bereits vor dem Ersten Weltkrieg nimmt der Sessel jenen Stil vorweg, f\u00fcr den das Bauhaus sp\u00e4ter bekannt werden sollte. Beide M\u00f6bel sind auf ihre Art modern. Der F\u00e4cherstuhl, weil er f\u00fcr eine moderne Geisteshaltung steht, der Armsessel, weil er einer modernen \u00c4sthetik entspricht.\u00a0<\/p>\n<p>Ausf\u00fchrlichere Informationen im Katalog des MAK Wiens:\u00a0\u201cWege der Moderne: Josef Hoffmann, Adolf Loss und die Folgen\u201d, Wien 2015.\u00a0<\/p>\n<p>Text: Simon H\u00e4user<\/p>\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery columns-2 is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\"><ul class=\"blocks-gallery-grid\"><li class=\"blocks-gallery-item\"><figure><a href=\"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/tumblr_inline_oxrkfmET0O1uryywt_1280.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"957\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/tumblr_inline_oxrkfmET0O1uryywt_1280-957x1024.jpg\" alt=\"\" data-id=\"732\" 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Bambusrohr und Korbgeflecht<\/figcaption><\/figure><\/li><li class=\"blocks-gallery-item\"><figure><a href=\"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/tumblr_inline_oxrkglVNLr1uryywt_1280.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"790\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/tumblr_inline_oxrkglVNLr1uryywt_1280-790x1024.jpg\" alt=\"\" data-id=\"733\" data-full-url=\"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/tumblr_inline_oxrkglVNLr1uryywt_1280.jpg\" data-link=\"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/2017\/10\/13\/neuerwerbung-hoffmann-vs-loos\/tumblr_inline_oxrkglvnlr1uryywt_1280\/\" class=\"wp-image-733\" srcset=\"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/tumblr_inline_oxrkglVNLr1uryywt_1280-790x1024.jpg 790w, 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