{"id":31,"date":"2017-08-11T07:38:00","date_gmt":"2017-08-11T07:38:00","guid":{"rendered":"http:\/\/decandix-multi.elektrischerwalfisch.de\/decandix-blog\/2017\/08\/11\/im-fokus-stillleben-brd-inventur-des-hauses-von-herrn-und-frau-b\/"},"modified":"2020-03-25T12:33:27","modified_gmt":"2020-03-25T11:33:27","slug":"im-fokus-stillleben-brd-inventur-des-hauses-von-herrn-und-frau-b","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/2017\/08\/11\/im-fokus-stillleben-brd-inventur-des-hauses-von-herrn-und-frau-b\/","title":{"rendered":"IM FOKUS \/\/\u00a0Stillleben BRD. Inventur des Hauses von Herrn und Frau B."},"content":{"rendered":"<p>Wenige Tage nach dem Tod eines alten Witwers wird der Fotograf Christian Werner von dessen Enkel gefragt, ob er nicht das Haus des Verstorbenen fotografieren k\u00f6nne, bevor es entr\u00fcmpelt wird. Entstanden ist ein Inventar des verstorbenen Ehepaars Herr und Frau B. T\u00fcrklinken, Vorh\u00e4nge, Plastikblumen, Elektroger\u00e4te, Regalsysteme, Andachtsbilder und vieles mehr aus sechs Jahrzehnten zeugen von einem westdeutschen, bundesrepublikanischen Leben. Allt\u00e4gliche Details, die teilweise ins Skurrile kippen, erinnern uns an die Wohnungen unserer Eltern, Gro\u00dfeltern, oder an unsere eigenen und stellen die Frage, was von uns bleibt, nach jahrzehntelangem Einrichten, Ordnen und Ausmisten, nach jahrzehntelanger Optimierung der eigenen Wohnung und jahrzehntelangem Konsum.\u00a0<\/p>\n<p>Gemeinsam ist allen Fotografien eine gewisse Ordnung, beziehungsweise eine sorgsame Anordnung der Dinge. Eine der unbetitelten Fotografien zeigt eine Detailaufnahme des Couchtisches von Herrn und Frau B. Ordentlich aufgereiht, liegen dort zwei Fernbedienungen, ein Notizblock, eine Brille, ein Flaschen\u00f6ffner, ein Aschenbecher, eine \u00dcbersichtsliste der Fernsehkan\u00e4le, ein scheinbar kostbares K\u00e4stchen, ein Papiertaschentuch, eine Metalltasse mit einer weiteren Lesebrille und ein Stift. Alles scheint wie gerade erst zur\u00fcckgelassen: Ein Zigarettenstummel liegt noch im Aschenbecher und auf dem Teller rechts liegen S\u00fc\u00dfigkeiten, unter anderem ein Schokoladenweihnachtsmann. Gleichzeitig wirkt alles bereits wieder vorbereitet f\u00fcr den n\u00e4chsten Fernsehabend im heimischenWohnzimmer. Die aufgelisteten Fernsehkan\u00e4le und die feins\u00e4uberlich aufgereihten Fernsehabendutensilien zeigen die Akribie ihrer Besitzer, ihren Wunsch nach Ordnung. \u00dcber die Jahrzehnte scheinen sich Vorg\u00e4nge wie der Fernsehabend ritualisiert zu haben und die Alltagsgegenst\u00e4nde wurden diesen Ritualen angepasst. Die Gegenst\u00e4nde k\u00f6nnen damit einen R\u00fcckschluss auf das gelebte Leben zulassen, sie k\u00f6nnen ein Statement abgeben, moralische Werte ausdr\u00fccken, die Identit\u00e4t ihrer Besitzer beschreiben, Status kennzeichnen und technisches K\u00f6nnen beweisen.<\/p>\n<p>Der Titel der Ausstellung verweist auf die Tradition der Stilllebenmalerei, die in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts entstand. Im Stillleben werden allt\u00e4gliche oder kostbare Gegenst\u00e4nde gezeigt, die symbolisch etwas repr\u00e4sentieren, wie zum Beispiel Wohlstand und eingebunden sind in einscheinbar allt\u00e4gliches Interieur. Will man Christian Werners Arbeit einordnen, muss man sie wohl unter diese Gattung der Stillleben subsumieren. Die Dinge auf Werners Bilder repr\u00e4sentieren etwas, Bildausschnitte und Bildauswahl sind keineswegs zuf\u00e4llig gew\u00e4hlt, weshalb es streitbar ist, ob die Bildserie als dokumentarisch gelten kann oder nicht.<b><\/b>Alle Bilder verweigern den Blick ins \u00c4u\u00dfere. Der Innenraum scheint vom \u00c4u\u00dferen wie abgeriegelt. Alle Fenster sind mit Vorh\u00e4ngen verschlossen. Trotzdem sind zahlreiche Verweise auf den Au\u00dfenraum vorhanden: Eine Fototapete im Hobbykeller zeigt eine herbstliche Waldlandschaft, ein Globus zeugt von Interesse anfremden L\u00e4ndern, zahlreiche Souvenirs wie Bierkr\u00fcge, Kuhglocken und Motivkerzendeuten auf Reisen im zumindest innereurop\u00e4ischen Raum hin.\u00a0<\/p>\n<p>Es hat sich einiges angesammelt \u00fcber die Jahre im Haus von Herr und Frau B., sodass dieses Haus selbst zur Zeitkapsel wurde. Moden der verschiedenen Jahrzehnte \u00fcberlagern sich, immer wieder wurde etwas hinzugef\u00fcgt, bis die Wohnung zum Friedhof f\u00fcr Konsumg\u00fcter der letzten 60 Jahre wurde. Manch einer mag diese Dinge als geschmacklos empfinden. Doch ein Wille zur sch\u00f6nen Gestaltung der eigenen vier W\u00e4nde ist deutlich erkennbar. Fast alle Produkte sind massengefertigt. Sie greifen den Zeitgeschmack auf, wobei sie in ihrem Dekor oft \u00fcberladen sind, die Blumen sind, wie so vieles in der Wohnung, aus Plastik, auch die Bilder sind nicht echt, sondern Drucke. Als \u00fcberladen l\u00e4sst sich die ganze Wohnung beschreiben, die, getrieben von einem Horror Vacui, einer Angst vor der Leerstelle, eingerichtet zu sein scheint. Keine Wandfl\u00e4che bleibt leer. W\u00e4hrend die Deko-Objekte billige Massenware sind, sind die technischen Ger\u00e4te Markenartikel. Ihr augenscheinliches Alter zeugt von jahrzehntelanger Funktion und einem Glauben an Marken und Technik.<\/p>\n<p>Auf Werners Bildern zeigt sich nicht das avantgardistische Design, das in Museen wie dem Br\u00f6han-Museum oft pr\u00e4sentiert wird, sondern der Geschmack einer breiten Masse, der oft eine industrielle Umsetzung dieses avantgardistischen Designs ist. Die Bilder entfalten ihre Wirkung durch die N\u00e4he zu dem, was wir kennen, von unseren Eltern und Gro\u00dfeltern. Sie regen zum Nachdenken an dar\u00fcber, wie wir wohnten und womit wir uns umgeben. \u00a0<\/p>\n<p><i>Alle Fotografien und weitere Texte zur Ausstellung finden Sie im Katalog zur Ausstellung: <br \/>Christian Werner: \u201eStillleben BRD\u201c. Inventur des Hauses von Herrn und Frau B.Hrsg. von Amely Deiss. Kerber Verlag, Bielefeld 2016. <\/i><\/p>\n<p><i>Text: Simon H\u00e4user<\/i><\/p>\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery columns-3 is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\"><ul class=\"blocks-gallery-grid\"><li class=\"blocks-gallery-item\"><figure><a href=\"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/ouiqusJd3t1uryywt_1280.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"682\" src=\"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/ouiqusJd3t1uryywt_1280-1024x682.jpg\" alt=\"\" data-id=\"776\" data-full-url=\"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/ouiqusJd3t1uryywt_1280.jpg\" data-link=\"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/2017\/08\/11\/im-fokus-stillleben-brd-inventur-des-hauses-von-herrn-und-frau-b\/ouiqusjd3t1uryywt_1280\/\" class=\"wp-image-776\" srcset=\"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/ouiqusJd3t1uryywt_1280-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/ouiqusJd3t1uryywt_1280-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/ouiqusJd3t1uryywt_1280-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/ouiqusJd3t1uryywt_1280.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption class=\"blocks-gallery-item__caption\"> <em>Christian Werner \u201cOhne Titel\u201d, aus der Serie \u201cStillleben BRD\u201d, 2014 \u00a9 Christian Werner <\/em> <\/figcaption><\/figure><\/li><li class=\"blocks-gallery-item\"><figure><a href=\"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/ouiqyakQml1uryywt_1280.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"682\" src=\"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/ouiqyakQml1uryywt_1280-1024x682.jpg\" alt=\"\" data-id=\"777\" data-full-url=\"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/ouiqyakQml1uryywt_1280.jpg\" data-link=\"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/2017\/08\/11\/im-fokus-stillleben-brd-inventur-des-hauses-von-herrn-und-frau-b\/ouiqyakqml1uryywt_1280\/\" class=\"wp-image-777\" srcset=\"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/ouiqyakQml1uryywt_1280-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/ouiqyakQml1uryywt_1280-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/ouiqyakQml1uryywt_1280-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/ouiqyakQml1uryywt_1280.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption class=\"blocks-gallery-item__caption\"> <em>Christian Werner \u201cOhne Titel\u201d, aus der Serie \u201cStillleben BRD\u201d, 2014 \u00a9 Christian Werner <\/em> <\/figcaption><\/figure><\/li><li class=\"blocks-gallery-item\"><figure><a href=\"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/ouiqzkWbRs1uryywt_1280.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"683\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/ouiqzkWbRs1uryywt_1280-683x1024.jpg\" alt=\"\" data-id=\"778\" data-full-url=\"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/ouiqzkWbRs1uryywt_1280.jpg\" data-link=\"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/2017\/08\/11\/im-fokus-stillleben-brd-inventur-des-hauses-von-herrn-und-frau-b\/ouiqzkwbrs1uryywt_1280\/\" class=\"wp-image-778\" srcset=\"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/ouiqzkWbRs1uryywt_1280-683x1024.jpg 683w, https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/ouiqzkWbRs1uryywt_1280-200x300.jpg 200w, https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/ouiqzkWbRs1uryywt_1280-768x1152.jpg 768w, https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/ouiqzkWbRs1uryywt_1280-1024x1536.jpg 1024w, https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/ouiqzkWbRs1uryywt_1280.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 683px) 100vw, 683px\" \/><\/a><figcaption class=\"blocks-gallery-item__caption\"> <em>Christian Werner \u201cOhne Titel\u201d, aus der Serie \u201cStillleben BRD\u201d, 2014 \u00a9 Christian Werner <\/em> <\/figcaption><\/figure><\/li><\/ul><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenige Tage nach dem Tod eines alten Witwers wird der Fotograf Christian Werner von dessen Enkel gefragt, ob er nicht das Haus des Verstorbenen fotografieren k\u00f6nne, bevor es entr\u00fcmpelt wird. 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