{"id":1191,"date":"2021-04-14T09:00:00","date_gmt":"2021-04-14T07:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/?p=1191"},"modified":"2022-08-01T13:29:28","modified_gmt":"2022-08-01T11:29:28","slug":"zum-tag-der-provenienzforschung-am-14-april-2021","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/2021\/04\/14\/zum-tag-der-provenienzforschung-am-14-april-2021\/","title":{"rendered":"Zum Tag der Provenienzforschung am 14. April 2021 \u2013 Die Geschichte der Sammlung des Br\u00f6han-Museums"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Der Sammler Karl H. Br\u00f6han<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Gr\u00fcnder des Museums ist der Hamburger Unternehmer Karl H. Br\u00f6han (1921\u20132000). Vor seinem Umzug nach Berlin mit seiner Familie im Jahr 1965 war er Inhaber einer zahnmedizinischen Gro\u00dfhandlung. Br\u00f6hans Erfolgsjahre fielen mit den Aufstiegsjahren der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg zusammen. Die Grundpfeiler des Sammelns \u2013 Kenntnisse und die finanziellen Mittel \u2013 hatte Br\u00f6han von Hause aus nicht, sondern er erarbeitete sich alles selbst.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"707\" src=\"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Prof.-Karl-H.-Broehan-Gruender-1024x707.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1207\" srcset=\"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Prof.-Karl-H.-Broehan-Gruender-1024x707.jpg 1024w, https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Prof.-Karl-H.-Broehan-Gruender-300x207.jpg 300w, https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Prof.-Karl-H.-Broehan-Gruender-768x530.jpg 768w, https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Prof.-Karl-H.-Broehan-Gruender-1536x1061.jpg 1536w, https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Prof.-Karl-H.-Broehan-Gruender.jpg 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Professor Karl H. Br\u00f6han, Gr\u00fcnder des Br\u00f6han-Museums<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sein Umzug nach Berlin klingt gem\u00e4\u00df seiner eigenen Erz\u00e4hlung wie ein radikaler Neuanfang, ein Systemwechsel \u2013 er hatte zuvor sein Unternehmen in Hamburg verkauft. Br\u00f6han entdeckte Berlin als eine Stadt, in der \u00bbOffenheit, geistige Anregung, Unkonventionalit\u00e4t, k\u00fcnstlerischer Reichtum und Vielfalt\u00ab herrschte. Hier begann er zun\u00e4chst, sich durch seine private Einrichtung mit Gem\u00e4lden, M\u00f6beln und allen Bereichen des Kunsthandwerks zu besch\u00e4ftigen. Er stellte schnell fest, dass in der Stadt ein Schatz gehoben werden kann und entwickelte sich zum Experten f\u00fcr verschiedene Richtungen und Gattungen in der Zeit um 1900. In den 1960er Jahren war die Kunst um und nach 1900 \u2013 der Jugendstil, die Berliner Secession, Art Deco und Funktionalismus \u2013 in Vergessenheit geraten und fand auf dem Kunstmarkt kaum Beachtung. Br\u00f6han reizte es, neue, unbekannte Wege zu gehen. Entdeckerfreude war sein Antrieb, das Aufsp\u00fcren vergessener oder unterbewerteter Gebiete l\u00f6sten den f\u00fcr (Kunst-)Sammler typischen Ehrgeiz und Leidenschaft aus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So entwickelte er sich sukzessive zum Experten der Epoche von 1889 bis 1939. Bereits in den fr\u00fchen Sechzigern baute Br\u00f6han eine Sammlung von Porzellanen der K\u00f6niglichen Porzellanmanufaktur Berlin auf, die heute den Grundstock der Porzellansammlung des Landes Berlin im Belvedere des Schlosses Charlottenburg bildet. Dann widmete er sich zun\u00e4chst dem Jugendstil. Sp\u00e4ter erweiterte er seine Sammlung mit dem Fokus auf die Kunst der 1920er Jahre. Neben dem Porzellan bedeutender Manufakturen sowie Glas- und Metallarbeiten sammelte er Gem\u00e4lde, Grafik und Zeichnungen der deutschen und franz\u00f6sischen Kunst um 1900. Ein Schwerpunkt wurde die Malerei der Berliner Secession und deren Umfeld. Hier konzentrierte er sich vor allem auf Werke von Karl Hagemeister, Hans Baluschek und Willy Jaeckel, die \u201egro\u00dfen Drei\u201c, wie er sie nannte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Br\u00f6han wurde ein leidenschaftlicher Sammler. Hatte er eine Spur aufgenommen, ein Objekt entdeckt, das er seiner Sammlung hinzuf\u00fcgen wollte, zeigte er gro\u00dfen Enthusiasmus und konnte ausgesprochen ausdauernd sein. Das belegt seine Korrespondenz mit Privatpersonen sowie Galerien und Auktionsh\u00e4usern im In- und Ausland, die im Museum bewahrt wird. Dort kann man zudem nachlesen, dass er immer daran interessiert war, zu erfahren, ob und wie lange sich ein Werk in Familienbesitz oder im K\u00fcnstlernachlass befunden hatte \u2013 f\u00fcr die Erforschung der Herkunftsgeschichte der Werke sind das wichtige Hinweise. Auch mit Fachleuten und Wissenschaftlern tauschte er sich aus, was mit dem Aufbau einer guten Fachbibliothek einherging. Bei der Buchbeschaffung unterst\u00fctzte er ebenso Forscher aus der DDR, die ohne fremde Hilfe nicht an bestimmte \u201aWest-Literatur\u2018 kamen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Vom Privatmuseum zum Landesmuseum<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Jahr 1973 er\u00f6ffnete Br\u00f6han in Dahlem in der ehemaligen Villa des Bankdirektors Ludwig Berliner in der Max-Eyth-Stra\u00dfe ein privates Museum, das \u00f6ffentlich zug\u00e4nglich war. Die permanente Ausstellung richtete er als R\u00e4ume im Sinn des Gesamtkunstwerks ein, die Objekte der angewandten und bildenden Kunst fanden hier zusammen und bereicherten sich gegenseitig. Dazu veranstaltete er auch Sonderausstellungen zu einzelnen Sammlungsbereichen. Anl\u00e4sslich seines 60. Geburtstages schenkte Br\u00f6han seine Privatsammlung der Stadt Berlin. Zwei Jahre sp\u00e4ter, am 14. Oktober 1983, bezog die Sammlung den heutigen Standort an der Schlossstra\u00dfe im ehemaligen Kasernengeb\u00e4ude des Schlosses. Seit 1994 ist es ein Landesmuseum. Er wurde mit der Ehrenprofessur gew\u00fcrdigt. Bis zu seinem Tod im Jahr 2000 leitete Karl H. Br\u00f6han das Museum und vergr\u00f6\u00dferte durch vielf\u00e4ltige Neuerwerbungen dessen Bestand. Heute beherbergt das Br\u00f6han-Museum mehr als 20.000 Objekte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Provenienzforschung<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seit 2016 wird am Haus Provenienzforschung betrieben \u2013 zun\u00e4chst projektbezogen, bis Anfang 2021 eine feste Stelle eingerichtet wurde, die die Sammlungsbetreuung mit der Provenienzforschung verbindet. (Siehe Blog-Eintrag vom 5. M\u00e4rz 2021.) Letztere ist vor besondere Herausforderungen gestellt, da es sich bei der Sammlung nicht um ein urspr\u00fcnglich institutionelles Museum, sondern um eine Sammlung handelt, die auf privatem, b\u00fcrgerlichem Engagement beruht und dementsprechend nicht \u00fcber den Verwaltungsapparat und die Archivierungsm\u00f6glichkeiten eines Museums in \u00f6ffentlicher Hand verf\u00fcgte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor allem aus der Fr\u00fchzeit des Sammelns sind kaum Kaufbelege, Lieferscheine, Korrespondenzen oder andere Dokumente \u00fcberliefert, die die Herkunft des jeweiligen Objekts belegen. Den Gro\u00dfteil der Arbeiten erwarb Br\u00f6han aus west- und ostdeutschem Privatbesitz und aus K\u00fcnstlernachl\u00e4ssen, weiterhin aus dem deutschsprachigen und internationalen Kunsthandel und auf Auktionen. Werke aus Privatbesitz wurden gelegentlich vor Ort ohne Kaufvertrag in bar bezahlt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch gl\u00fccklicherweise ist neben der Korrespondenz auch das von Hand gef\u00fchrte Erwerbungsbuch des Sammlers \u00fcberliefert, das er im Mai 1969 begonnen hat und dessen Eintr\u00e4ge im November 1973 abbrechen. Es wird nun erstmals im Rahmen der neugeschaffenen Stelle systematisch gesichtet und ausgewertet. Neben den Ankaufseintr\u00e4gen auf ca. 40 Seiten hat Br\u00f6han im Anhang auch die Verk\u00e4ufe seiner Bestandskataloge mit K\u00e4ufernamen notiert, teilweise mit Adressen. Diese Angaben k\u00f6nnten bei der genauen Auswertung helfen, R\u00fcckschl\u00fcsse \u00fcber Vorbesitzer der Werke zu ziehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Erwerbungseintr\u00e4ge haben unterschiedliche Qualit\u00e4t. Viele Eintr\u00e4ge enthalten Angaben zum Kaufdatum, Maler\/in \/ Hersteller\/in, Titel (oder Kurztitel), gelegentlich Jahr und Technik, Verk\u00e4ufer (gelegentlich unleserlich) und Kaufpreis, manchmal auch Zollkosten. Manche Eintr\u00e4ge enthalten nur den Namen z.B. des Malers. In jedem Fall ist das Erwerbungsbuch f\u00fcr die Provenienzforschung zur NS-Zeit von gro\u00dfer Bedeutung, da kein Werk aus dem Sammlungsbestand derzeit eine geschlossene Provenienzkette aufweist. Es konnte weiterhin festgestellt werden, dass es K\u00e4ufe aus der DDR gab, die m\u00f6glicherweise trotz Br\u00f6hans Bem\u00fchen, Kunst nur legal aus der DDR anzukaufen, nicht rechtm\u00e4\u00dfig waren, da sie \u00fcber Ottokar Hermann abgewickelt wurden. Der ehemalige SS-Unterscharf\u00fchrer war Mittelsmann des Staatssekrekt\u00e4rs Alexander Schalck-Golodkowski und des Ministeriums f\u00fcr Staatssicherheit (MfS) der DDR. Hermann trat bei vielen Transaktionen als Strohmann der DDR auf. Er verwaltete Briefkastenfirmen, \u00fcber die die DDR verdeckt Beteiligungen und Immobilien im Westen erwarb, schmuggelte Embargog\u00fcter in die DDR und war an Kunstraub und der illegalen Ausfuhr der Kunstobjekte aus der DDR beteiligt. Ob die durch Herrmann verkauften Werke (allesamt von Karl Hagemeister) in diesem Kontext stehen, wird zu \u00fcberpr\u00fcfen sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Schwerpunkt der Provenienzforschung liegt jedoch auf der Zeit des NS-Regimes. Obwohl Br\u00f6han erst Ende der 1960er Jahren mit dem Aufbau seiner Sammlung begann, k\u00f6nnten die Objekte im NS-Regime (j\u00fcdischen) Besitzern verfolgungsbedingt und somit unrechtm\u00e4\u00dfig entzogen worden sein. Da die Entsch\u00e4digungsantr\u00e4ge f\u00fcr Opfer des nationalsozialistischen Unrechts durch das Bundesentsch\u00e4digungsgesetz auf Ende 1969 befristet waren, ruhte das Thema der Wiedergutmachung f\u00fcr viele Jahrzehnte. Es gibt bei den meisten Objekten nur den Hinweis des letzten Verk\u00e4ufers \u2013 also keine geschlossenen Provenienzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Jubil\u00e4umsausstellung zum 100. Geburtstag des Sammlers<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Jahr 2021 j\u00e4hrt sich Karl H. Br\u00f6hans Geburtstag zum hundertsten Mal. Zu diesem Anlass wird es eine gro\u00dfe Sammlungspr\u00e4sentation geben, die die neueste Forschung mit einbeziehen wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Br\u00f6han zitierte in seinem ersten Bestandskatalog von 1973 (zur Malerei der Berliner Secession) den \u00f6sterreichischen Schriftsteller und Kulturphilosophen Egon Fridell (1878\u20131938) aus dessen \u201eKulturgeschichte der Neuzeit\u201c (1925 ff.). Hier zeigt sich neben der Leidenschaft auch das moralische Bewusstsein, mit dem Br\u00f6han sein Lebenswerk errichtet hatte und auf dessen Tradition sich das Haus heute berufen kann:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eAuch wird niemand ernstlich behaupten d\u00fcrfen, da\u00df die Kunst blo\u00df erquicken soll. Im Gegenteil: sie soll beunruhigen, alarmieren und aufr\u00fctteln, sie hat die Mission, das schlechte Gewissen ihres Zeitalters zu sein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Text: Sabine Meister<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Gr\u00fcnder des Museums ist der Hamburger Unternehmer Karl H. Br\u00f6han (1921\u20132000). Vor seinem Umzug nach Berlin mit seiner Familie im Jahr 1965 war er Inhaber einer zahnmedizinischen Gro\u00dfhandlung. Br\u00f6hans Erfolgsjahre fielen mit den Aufstiegsjahren der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg zusammen. Die Grundpfeiler des Sammelns \u2013 Kenntnisse und die finanziellen Mittel \u2013 hatte Br\u00f6han von Hause aus nicht, sondern er erarbeitete sich alles selbst.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":1193,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-1191","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-blog"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1191","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1191"}],"version-history":[{"count":13,"href":"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1191\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1212,"href":"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1191\/revisions\/1212"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1193"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1191"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1191"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.broehan-museum.de\/broehan-blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1191"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}