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SCHÄTZE AUS DEM DEPOT // Teil 1

17. März 2017

Die Sammlung des Bröhan-Museums ist umfangreich und vielseitig. Sie besteht aus unzähligenKeramiken, aus Metall- und Glasobjekten, aus Möbeln und Teppichen, Gemälden, Lampen und vielem mehr aus der Zeit 1889– 1939. Leider kann ein Großteil dieser Objekte nur selten gezeigt werden und wie in den meisten Museen schlummern viele Kostbarkeiten ungesehen im Depot. Deshalb wollen wir an dieser Stelle in regelmäßigen Abständen einige dieser Schätze vorstellen und näher auf ihr Aussehen, ihr Entstehen und ihre Bedeutung in der Zeit eingehen.

Marguerite Friedlaender: Service „Hallesche Form“ KPM (1930)

Einer von mehreren Schwerpunkten der Sammlung des Bröhan-Museums sind Kaffee- und Teeservices. Bis heute sind solche Service eine der wichtigsten Gestaltungsaufgaben des Porzellans. Von Beginn der europäischen Porzellanproduktionan war der Konsum von Heißgetränken mit dem „weißen Gold“ verknüpft. Die Popularität des einen ging mit der Popularität des anderen einher. Seit Ende des 18. Jahrhunderts war die Königliche Porzellan-Manufaktur Berlin (KPM) führend in der Entwicklung neuer Porzellanmassen und -formen. In der erstenHälfte des 20. Jahrhunderts wurden hier Ikonen der modernen Porzellangestaltung geschaffen. Stilprägend waren in dieser Zeit zwei außergewöhnliche Frauen. Beide entwarfen Services, die bis heute unverändert hergestellt werden.

An dem Service, um das es im Folgenden geht, arbeiteten sogar beide Gestalterinnen, wenn auch nicht zur gleichen Zeit: Die Rede ist vom Tee- und Mokkaservice„Hallesche Form“.  

Zu sehen sind eine Teetasse mit Untertasse und eine kleine Tee-Extraktkanne. Während das Kännchen eine zylindrische Form hat, läuft die Tasse nach unten hin konisch zuund knickt im unteren Drittel ab. Das ganze Service bestand aus vielen weiteren Teilen, wie Kaffeekannen, Milchkännchen und Zuckerdosen. Allen Serviceteilen gemeinsam ist der abgesetzte Standring, der die Einzelteile wie auf einen Sockel hebt. Auffällig am Kännchen ist der eingehängte Silberbügel statt desüblichen Kannenhenkels. Er erinnert an die Eleganz fernöstlicher Teeservice.

Die Form des Services entstand 1930 im Rahmen einer äußerst produktiven Kooperation der KPM mit einer weiteren Größe in der Herstellung von Kunstgewerbe – der Kunstgewerbeschule Halle – Burg Giebichenstein. Diese Kooperation war von Günther von Pechstein initiiert worden, der ab 1929 Direktorder KPM war. Pechstein, selbst Werkbundmitglied, gestaltete seit seiner Amtseinführungdie Produktpalette der KPM unter dem Slogan „Porzellan für die neue Wohnung“ massiv um. Ziel war es, das eher den klassischen Formen verpflichtete KPM-Sortiment der modernen Gestaltung anzupassen. Das Porzellan sollte zur neuen Architektur, zur neuen Art der Einrichtung und zu den neuen Bedürfnissen der modernen Küchen passen. Die einzelnen Teile sollten funktional gestaltet und untereinander kombinierbar sein. Kaum jemand schien dafür so geeignet, wie die junge Dozentin der Burg Giebichenstein, Marguerite Friedlaender. Neben der Burg Giebichenstein war sie von einer weiteren bedeutenden Gestaltungsschule geprägt: dem Bauhaus Weimar. Beide Schulen hatten eine unterschiedliche Schwerpunktsetzung, die ihr für ihre Zusammenarbeit mit der KPM von Nutzen waren.

Ab 1919 begann sie ihre Ausbildung am Bauhaus. Nachdem sie diese 1922 beendete, konnte sie drei weitere Jahre am Bauhaus weiterarbeiten. Als das Bauhaus 1925 nach Dessau umzog, wurde die Keramikwerkstatt aufgegeben. Friedlaenders berühmterLehrer, Gerhard Marcks, wechselte deshalb an die Burg Giebichenstein, die damals so renommiert war wie das Bauhaus. Dort übernahm sie die Leitung der Keramikwerkstatt und begann die dort gefertigten Produkte auch zu verkaufen. InWeimar lernte Friedlaender das Handwerk, in Halle erlangte sie das Gespür für den Markt.

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten setzte der Karriere der aufstrebenden Keramikerin in Deutschland ein jähes Ende – vom Bürgermeister Halles wurde derJüdin Friedlaender ein Rücktritt von ihrer Dozententätigkeit nahegelegt. ImFebruar 1933 verließ sie mit ihrem Mann, dem Keramiker und Bauhaus-Schüler Franz Rudolf Wildenhain, Deutschland.

Form und Dekor stammen, wie oft in der Porzellanproduktion, von zwei unterschiedlichen Gestalterinnen. Der Dekor entstand vier Jahre später unter Trude Petri, der anderen großen Gestalterin an der KPM im 20. Jahrhundert. Besonders auffällig ist der Dekor aus goldenen Ringen, die sich um die Serviceteile drehen. Sie wirken wie eine Reminiszenz an die Herstellung von Aufbaukeramiken, bei denen Ringe übereinandergesetzt und dann verstrichen werden. Gleichzeitig spiegeln sie das Repräsentationsbedürfnis der 30er Jahre wider, schließlich handelte es sich bei dem Gold um Echtgold.

Interessantb ei Porzellan ist oft ein Blick auf die Marken auf der Unterseite der Stücke. Hier zu sehen ist in der blauen Unterglasurfarbe die Zeptermarke, das Zeichen, dass das Stück in der KPM gearbeitet wurde. Der rote Reichsapfel in gestempelter Aufglasurfarbe zeigt an, dass es auch in der KPM bemalt wurde. Dies war nicht immer üblich, Bemalungen konnten auch außerhalb entstehen. Das schwarze Haus, die sogenannte „Burgmarke“, ist das Zeichen der BurgGiebichenstein. Die Kennzeichnung 84/116 ist die Dekornummer, die zickzackLinie identifiziert den Maler. Die nachträgliche Buchstaben- undZahlenkombination rechts ist die Inventarnummer des Bröhan-Museums.

Ausführlichbesprochen wird das Service im Ausstellungskatalog des Bröhan-Museums:„Porzellan. Kunst und Design 1889 – 1939. Vom Jugendstil zum Funktionalismus,Berlin 1993“. Weiterführende Informationen zu Marguerite Friedlaender in:„Avantgarde für den Alltag. Jüdische Keramikerinnen in Deutschland 1919 – 1933,Berlin 2013“. 

Text: Simon Häuser