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Kunstperioden 1889-1939
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Kunstperioden 1889–1939 Jugendstil

Bildteppich "Fünf Schwäne", Otto Eckmann, 1896/97, Kunstwebschule ScherrebekEnde der 1880er Jahre entstand eine neue Kunstrichtung, die in Deutschland als "Jugendstil" und in Frankreich als "Art Nouveau" bezeichnet wird. Kennzeichnend für diesen Stil ist das neuartige Ornament, das die seinerzeit üblichen historischen Stilzitate überwand. In der ersten Zeit bis um 1900 waren geschwungene, der Natur entlehnte und abstrahierte Linien das typische Merkmal des Jugendstils, später überwogen geometrische Ornamente. Die Stilperiode des Jugendstils war nur von kurzer Dauer. Dennoch ist sie von großer Bedeutung: der Jugendstil räumte den Historismus des 19. Jahrhunderts entschlossen beiseite und ebnete den Weg in die Moderne. Die Künstler führten und propagierten ein von der Kunst durchdrungenes Leben, in dem alles, was sie umgibt, künstlerisch in Einklang gebracht werden sollte. Deshalb richteten sie ihr Augenmerk vorrangig auf die angewandte Kunst, die Dinge des täglichen Lebens, die nutzbar gemacht werden und doch Kunst sein sollten. Zu einer eigentlichen Jugendstilmalerei und -plastik kam es hingegen nur in wenigen Ausnahmen.


England

Seine ältesten Wurzeln hat der Jugendstil in England. Hier wurde die japanische Kunst als ein völlig neuer Formenschatz besonders früh aufgegriffen und, damit einhergehend, die Hinwendung der Künstler von der Malerei zur Gestaltung der Dinge des täglichen Gebrauchs früh vollzogen. Von der Stillosigkeit der zunehmenden Mechanisierung und Massenfertigung des Kunstgewerbes im Zeitalter der Industrialisierung abgestoßen, wandten sich William Morris mit seiner "Arts and Crafts"-Bewegung und andere englische und schottische Künstler in neugegründeten Handwerksgilden dem wahren Kunsthandwerk zu, um, nach dem Vorbild der mittelalterlichen Künstler, das Kunsthandwerk mit den freien Künsten wieder gleichzustellen. Auf der Grundlage der Schriften des englischen Kunsttheoretikers John Ruskin war das Ziel dieses "modern movement" die Erziehung des Geschmacks breiter Schichten der Bevölkerung bis zu "der Wiederkehr der Schönheit auf Erden und dem Anbruch einer Ära sozialer Gerechtigkeit und menschlicher Würde" (Henry van de Velde: Zum neuen Stil).
Der künstlerische Aufbruch kann manchmal nicht nur der eigenen Zeit voraus sein, sondern sogar noch der unmittelbaren Zukunft vorauseilen – diesen Eindruck erwecken die Entwürfe von Christopher Dresser – vornehmlich für Metallgerät –, die bereits in den 1870er und 80er Jahren vieles vom Funktionalismus der 1920er Jahre vorwegnahmen.


Frankreich

Eine zweite Wurzel des Jugendstils lag in Frankreich. Die Abkehr von historischen Vorbildern hatten hier bereits die Impressionisten in der Malerei vollzogen. Paris war zum abendländischen Kunstzentrum und zum Umschlagplatz der neuesten Ideen geworden. Der Ostasiatika-Händler Siegfried Bing trug in Paris viel zur Verbreitung des Japonismus bei; 1895 eröffnete er die "Galerie de l’ Art Nouveau", nach denen später der Jugendstil in Frankreich benannt wurde. Art Nouveau wurde in Frankreich nicht derart als Protest am herrschenden Kunstgeschmack aufgefaßt wie andernorts. Er ging einher mit dem Symbolismus in Malerei und Dichtung, der Suche nach einer Gegenwelt zur naturwissenschaftlich erforschbaren und von Technik beherrschten Wirklichkeit. Der Glaskünstler Emile Gallé in Nancy und Hector Guimard in Paris schufen dekorative Luxuswerke, bei denen Frische, Eleganz und Schönheit im Vordergrund standen. Beide Künstler nahmen ihre Vorbilder aus der Natur; insbesondere Gallés Kunst beruht auf einer genauen Beobachtung der Pflanzenwelt.


Belgien

Die Gestaltung alltäglicher Gegenstände wurde zum Merkmal des Jugendstils, auch der zwei herausragenden belgischen Protagonisten: Victor Horta und Henry van de Velde. Horta gebührt das Verdienst, die ersten vollständig ausgereiften Jugendstilwerke geschaffen zu haben. Er übertrug die englischen, vornehmlich auf die Fläche (Stoffentwürfe, Buchdruck) gebundenen Anregungen ins Räumliche und gestaltete Häuser von ihrer Fassade an bis ins kleinste Detail der Inneneinrichtung in dem neuen Stil.
Das Jugendstilornament, dessen pflanzlicher Ursprung bei Horta erkennbar ist, wurde von Henry van de Velde zur Reife gebracht. Er entwickelte es zu einem abstrakten, energiegeladenen Linienornament, das er nicht als Verzierung einem Objekt aufsetzte, sondern in die Werke mit einband. Die Konstruktion und die Kräfteverhältnisse in einem Objekt werden so durch das Ornament veranschaulicht. Eine Inkunabel dieses Linienstils ist van de Veldes Kandelaber-Paar. (Im Bröhan-Museum ausgestellt)


Deutschland

Den Hauptteil seines kunsthandwerklichen Werks schuf van de Velde in Deutschland. Hier hielt der Jugendstil in den 1890er Jahren seinen Einzug. Deutlicher als in anderen europäischen Ländern war in Deutschland die Abscheu der Avantgarde-Künstler gegen den herrschenden Stil des Historismus zu spüren, mit seiner pompösen, aber zunehmend hohlen Monumentalität. Entsprechend jung, frisch und unkonventionell waren die künstlerischen Entgegnungen etwa von Otto Eckmann, August Endell und Hermann Obrist in München. In dieser Stadt begannen viele der großen Künstler, um kurze Zeit später an anderen Zentren des Jugendstils wie Darmstadt und Berlin ihr Wirken fortzusetzen. Dem englischen Vorbild folgend gründeten Peter Behrens, Bernhard Pankok, Bruno Paul, Richard Riemerschmid und andere 1897 die "Vereinigten Werkstätten" in München.


Skandinavien

Ende der 1880er Jahre führte der Däne Arnold Krog den Jugendstil bei der Königlichen Porzellanfabrik Kopenhagen ein. Das japanische Stilvorbild, das Krog bei Siegfried Bing in Paris sah. spielte hierbei eine ausschlaggebende Rolle. Die Porzellanfabrik Bing & Grøndahl, Kopenhagen, und die schwedische Manufaktur Rörstrand folgten dem Beispiel. Die Produktion dieser drei Manufakturen ist durch die farblich zurückhaltende Unterglasurmalerei gekennzeichnet, mit der die nordische Landschaft in Form eines malerisch-weichen, floralen Jugendstils treffend nachempfunden wurde.
1904, also schon zum Ende der Jugendstilzeit hin, eröffnete Georg Jensen eine Silberschmiedewerkstatt in Kopenhagen, welche mit ihren klaren Formen die bis heute fortdauernde internationale Führungsrolle der dänischen Silbergestaltung begründete.


Österreich

In regem künstlerischen Austausch mit englischen und schottischen Jugendstilkünstlern entwickelte die Wiener Werkstätte unter der Leitung von Josef Hoffmann einen eigenen, höchst eleganten Stil. Grundform des Ornaments und eine Art Markenzeichen wurde das Quadrat. Das Material durfte, ob billig (gestanztes Blech) oder kostbar, niemals einen anderen Werkstoff imitieren. In seiner Finesse und in den ausgesuchten Werkstoffen nahm der Stil der Wiener Werkstätte vieles vom Art Deco vorweg.
Allerorten fand der Jugendstil eine jeweils eigene Ausprägung. Seine Konzentration auf das Ornament, die ihm zugrundeliegenden, schwärmerischen Utopien, seine bisweilen ungezügelte Erscheinung, vor allem aber die fehlende Auseinandersetzung mit der industriellen Serienfertigung fanden schon früh Kritik, nicht nur von außen, sondern auch von den Künstlern selbst. Die Zeit des Jugendstils blieb eine kurze Episode, die schon im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts ihr Ende fand. Der Jugendstil bleibt faszinierend, wegen der immer wieder überraschenden Experimentierfreude, Phantasie und ästhetischen Gestaltungskraft seiner Protagonisten, und wesentlich, weil in vielem der Keim für die darauffolgenden Kunstströmungen lag.



© 2008 Bröhan-Museum | Bronze-Figur: Agathon Léonard, Danseuse au bracelet (Tänzerin mit Armband), um 1900, Bronze, goldpatiniert, Susse Frères, Paris | Abb.: Wandteller mit Schwertlilie im Mondschein, 1889, Kgl. Porzellanfabrik Kopenhagen | Webdesign unicom-berlin.de